Hast du mal 'nen Tipp?
14.01.2026
Warum ein Tipp nicht reicht – und Verhalten mehr ist, als man sieht
Immer wieder bekommen wir Nachrichten, meist von Menschen, die uns vorher noch nie geschrieben haben oder gerade erst auf uns gestoßen sind, die so oder so ähnlich klingen: „Ich bin so verzweifelt. Mein Hund rastet immer total aus, wenn er andere Hunde sieht, [...meist folgt hier eine ellenlange Beschreibung], habt ihr einen Tipp für uns?“
Und ganz ehrlich? Ich find’s schon oft auch echt ein bisschen frech. Und an dieser Stelle hier hab ich überlegt, Verständnis dafür aufzubringen, dass die Menschen verzweifelt sind und es nicht böse meinen. Aber ich bin ehrlich: Allzuviel Verständnis habe ich leider wirklich nicht dafür – denn diese Fragen suggerieren, dass unser Job super easy wäre und ein paar kleine Tipps ein verfestigtes Verhaltensproblem ändern würden. Gerade Menschen, die schon länger mit so einem Thema kämpfen, sollten eigentlich wissen, dass ein “Tipp” sie eben nicht retten kann.
Wenn ein Hund seit Monaten oder Jahren in bestimmten Situationen auffällig wird, dann ist das kein Thema für einen Tipp. Dann reden wir über ein komplexes Zusammenspiel aus unzähligen Einflüssen, Erfahrungen und Emotionen. Es gibt da keinen goldenen Trick, den man anwendet und alles ist wieder entspannt. Leider. Wenn’s so einfach wäre, hätten wir in unserer Gesellschaft keine Probleme mehr mit Hundebegegnungen, Jagdverhalten oder Angst- und Aggressionsthematiken. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Und mal ehrlich: Niemand würde auf die Idee kommen, seinem Arzt zu schreiben: „Ich hab seit Monaten Kopfschmerzen, was kann ich da machen? Hast du einen Tipp?“
Allein die Frage wirkt absurd, oder? Weil jedem klar ist, dass da mehr dahinterstecken kann. Dass man sich das anschauen muss, herausfinden, warum der Schmerz überhaupt da ist.
Aber genau diese Erwartung begegnet uns in der Verhaltensarbeit ständig. Als könnten wir mit einem Satz etwas lösen, das über Monate oder Jahre gewachsen ist.
Gott sei Dank sind solche Nachrichten aber ja wirklich die Ausnahmen. Die allermeisten Menschen, die uns schreiben oder mit uns arbeiten, wissen längst, dass es für komplexe Probleme keine schnellen Lösungen gibt. Sie wissen, dass Veränderung Zeit, Verständnis und oft auch ein gutes Stück Selbstreflexion braucht.
Wenn wir wirklich verstehen wollen, was da im Hund passiert und wir die Ursachen lösen wollen, müssen wir also ein bisschen tiefer schauen. Weg von dem, was wir sehen – hin zu dem, was dahinter passiert.

Verhalten ist das, was man sieht – aber nicht das, was passiert
Wenn wir über Verhalten reden, reden wir oft über das, was sichtbar ist.
Der Hund bellt. Der Hund springt. Der Hund zieht.
Das ist das, was wir wahrnehmen – und woran wir uns stören. Aber das, was wirklich passiert, spielt sich eine Ebene tiefer ab.
Verhalten ist im Grunde nur das äußere Zeichen von dem, was im Inneren los ist. Es ist die Reaktion auf ein Gefühl, eine Erwartung, eine Erfahrung. Und solange wir nur auf die Oberfläche schauen, also auf das Verhalten selbst, übersehen wir das Entscheidende.
Du kennst bestimmt die Eisberg-Grafik: Wir sehen den Teil, der aus dem Wasser ragt, aber der viel größere, wichtigere Teil bleibt unter der Oberfläche verborgen. Genau da liegen die Ursachen – wir sehen sie nicht, aber sie sind da.
Ein Hund, der an der Leine ausflippt, tut das nicht einfach, weil er „nicht hört“, “pöbeln will” oder „stur“ ist. Vielleicht ist er unsicher, vielleicht frustriert, überfordert oder schlichtweg zu aufgeregt. Vielleicht hat er Schmerzen und reagiert deshalb viel empfindlicher, vielleicht geht ihm die ganze Welt aufn Sack, weil einfach nichts so läuft, wie er es braucht, um sich wohlzufühlen. Vielleicht ist er ständig gestresst von der Umwelt oder sogar von seinen Menschen. Und aus all dem bilden sich dann auch noch Lernerfahrungen – Halleluja.
Wenn man Verhalten wirklich verstehen will, muss man sich also trauen, tiefer zu schauen – unter die Oberfläche, da wos spannend und oft auch ein bisschen unbequem wird.
Was alles Verhalten beeinflusst
Wenn man tiefer hinschaut, merkt man ziemlich schnell: Verhalten ist nie „einfach nur Verhalten“. Es ist immer das Ergebnis von ganz vielen Puzzleteilen, die zusammen ein Bild ergeben – und wenn eines davon verrutscht, verändert sich das ganze Bild.
🧠 Emotionen
Emotionen sind der Motor von Verhalten. Kein Hund macht irgendwas einfach so. Da steckt immer ein Gefühl dahinter – Aufregung, Frust, Unsicherheit, Erwartung, Angst, Freude, Stress. Und je nach Gefühl reagiert der Körper anders: er spannt an, zieht sich zusammen, wird impulsiver oder ruhiger.
Wichtig ist zu verstehen: Emotionen sind keine bewusste Entscheidung. Sie passieren automatisch – und Verhalten ist ihre logische Folge
Emotionen bestimmen auch, wie ein Hund die Welt wahrnimmt. Was für den einen neutral ist, kann für den anderen eine Bedrohung darstellen. Diese Bewertung wiederum ist eng verknüpft mit den Lernerfahrungen, die der Hund bisher gemacht hat.
Darum gilt: Man kann Verhalten nicht verändern, ohne die Emotion darunter mitzudenken. Erst wenn ein Hund sich innerlich anders fühlt, kann er sich auch äußerlich anders verhalten.
🔁 Lernerfahrungen
Hunde lernen ständig – nicht nur, wenn wir gerade trainieren.
Lernerfahrungen prägen, wie ein Hund Situationen bewertet und welche Strategien er zeigt. Hunde sind Meister im Verknüpfen – sie merken sich, was funktioniert hatoder was sie vermeiden sollten.
Diese Erfahrungen verbinden sich mit den Emotionen, die der Hund dabei hatte.
Wenn eine Situation unangenehm war, wird sie beim nächsten Mal schon mit diesem Gefühl betreten. Und das beeinflusst wiederum, wie er reagiert.
Darum ist Lernen nie nur reine Technik oder Konditionierung. Es ist immer auch emotional gefärbt. Und wenn man Verhalten verändern will, muss man neue Erfahrungen möglich machen – Erfahrungen, die sich gut anfühlen und damit neue Emotionen verknüpfen. Das ist übrigens einer der Gründe, weswegen wir es so wichtig finden, dass die Hunde lernen mit anderen Hunden umzugehen – denn nur dann ändern wir im Hintergrund auch die Emotionen. Du siehst, es ist ein Geflecht, das man eigentlich gar nicht auseinandernehmen kann.
⚙️ Körper und Gesundheit
Körper und Verhalten hängen enger zusammen, als viele denken.
Wenn der Körper nicht im Gleichgewicht ist, zeigt sich das immer auch im Verhalten – manchmal ganz deutlich, manchmal nur subtil.
Schmerzen, hormonelle Veränderungen, neurologische Themen, Verdauungsprobleme, zu wenig Schlaf – all das beeinflusst, wie belastbar, aufmerksam oder gereizt ein Hund ist – und damit seine Emotionen und sein Verhalten.
🌍 Umwelt und Kontext
Geräusche, Gerüche, Bewegung, Wetter, Raum, Menschen, andere Hunde, Leinenlänge, Stimmung. Alles, was um den Hund herum passiert, hat auch Einfluss auf sein Verhalten.
Je nach Ort, Geräuschkulisse oder Stimmung des Menschen ist der Stresspegel anders, die Aufmerksamkeit anders verteilt, die Wahrnehmung enger oder weiter. Und natürlich kommt es dabei auch sehr auf das Individuum, seine bisherigen Erfahrungen, seinen inneren Zustand usw. an.
Und all das beeinflusst Verhalten – mal subtil, mal sehr deutlich.
👩🤝👨 Mensch-Hund-Beziehung
Und dann sind da natürlich wir Menschen und unsere Körpersprache, unsere Erwartungen, unsere Emotionen. Hunde nehmen das alles wahr und es macht was mit ihnen.
Wenn wir nervös sind, weil wir wissen, gleich kommt der Nachbarhund um die Ecke – dann merkt das unser Hund lange, bevor wir überhaupt was sagen.
Wir sind Teil seines Systems, und das, was zwischen uns passiert, beeinflusst sein Verhalten genauso wie jeder äußere Reiz.
Das kann manchmal ernüchternd sein, aber eigentlich ist es eine große Chance.
Denn sobald wir verstehen, dass unser eigenes Verhalten Teil des Ganzen ist, können wir auch aktiv etwas daran verändern. Und das verändert wiederum, wie sich der Hund fühlt – und damit auch, wie er sich verhält.
Warum das wichtig ist
Wenn man all das zusammennimmt, wird klar, warum so viele Trainingsansätze nicht greifen, die nur auf Verhalten „an der Oberfläche“ zielen – und warum ein kleiner Tipp nicht die Lösung sein kann.
Denn jeder dieser Faktoren – Emotion, Erfahrung, Körper, Umfeld, Beziehung – spielt zusammen. Und wenn man nur an einem Rädchen dreht, ohne die anderen mitzudenken, ändert sich oft gar nichts. Oder das Problem taucht einfach an anderer Stelle wieder auf.
Ein Hund, der gelernt hat, dass nach vorne gehen ihm hilft, braucht mehr als ein „Nein“ oder ein Alternativverhalten. Ein Hund, der viel zu gestresst durch den Alltag geht, braucht mehr als eine Ruhe-Übung. Und ein Mensch, der sich Veränderung wünscht, braucht mehr als einen Tipp. 💁♀️
Er braucht Verständnis – für den Hund, für sich selbst und für das, was zwischen beiden passiert.
Das ist der Punkt, an dem es aufhört, um Trainingstechniken zu gehen und anfängt, um Beziehung, Bindung und echtes Hinterfragen zu gehen.
Und ja – das ist oft anstrengender, als einfach nach einer schnellen Lösung zu fragen.
Aber es ist der einzige Weg, der wirklich nachhaltig etwas verändert. 🫶
Wenn’s so einfach wäre…
Ich sag’s mal so: Wenn es wirklich den einen Tipp gäbe, hätten wir alle längst entspannte Hundebegegnungen, ausgeglichene Hunde und ein stressfreies Zusammenleben.
Aber Verhalten ist kein Rätsel, das man mit einer Antwort löst. Es ist ein System, das man verstehen lernen kann.
Im Webinar "Hundebegegnungen anders denken" nehmen wir euch mit in genau diese Tiefe.
Wir zeigen drei ganz unterschiedliche Fälle – drei Hunde, die auf den ersten Blick ähnliche Themen hatten, bei denen die Ursachen aber völlig verschieden waren.
Wir schauen gemeinsam darauf, was Verhalten wirklich beeinflusst, wo man hinschauen sollte (und wo vielleicht lieber nicht zuerst), und wie man aus diesem Wissen heraus Trainingswege entwickelt, die wirklich Sinn machen – für Mensch und Hund.
Wenn du also Lust hast, über das „Einfach mal einen Tipp geben“ hinauszugehen und zu verstehen, warum Verhalten so ist, wie es ist, dann ist dieses Webinar genau richtig für dich.
Denn das ist es, worum’s am Ende geht:
Verhalten nicht nur zu verändern, sondern zu verstehen.
Beitrag von Carolin Hess
Wir behandeln keine Symptome
Wir verändern Verhalten nachhaltig
Wir arbeiten nicht gegen den Hund
Wir arbeiten mit dem Hund als Partner
Wir wissen genau:




